Fotos: Victoria Ebert und Yannick Isayas
Sicher das Aufwachsen als jüngstes von fünf Kindern mit einer Zwillingsschwester in Lüchow im Wendland. Die Kirchengemeinde war unser familiärer Dreh- und Angelpunkt, meine Eltern waren abwechselnd im Kirchenvorstand. Meine Mutter hat Sterbebegleitung gemacht, Vormundschaften übernommen und war in den 1970er Jahren die erste Frau in der Landeskirche Hannovers, die das Abendmahl austeilte. Sie wurde gerufen, wenn jemand verwahrlost war, sie kümmerte sich. Meine diakonische Seite kommt von ihr, wie ich mich überhaupt mit ihr identifiziere. Mein Vater ist leider früh verstorben, kurz nach unserer Konfirmation, aber er hat mir noch meinen Einsegnungsspruch ausgesucht und hinterlassen: „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne.“ Unsere Familie war durch die Großeltern auf beiden Seiten pietistisch geprägt. Vielleicht kommt meine gelegentlich strenge Seite daher (lacht). Auf jeden Fall bin ich dankbar, in der freieren Kirchengemeinde aufgewachsen zu sein.
Eine weitere Erfahrung meiner Kindheit und Jugend waren verwandtschaftliche Kontakte in ein thüringisches Pfarrhaus und jährliche Reisen dorthin. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und bin froh, etwas von der DDR-Kirche kennengelernt zu haben.
Eine Menge. Meine junge Erwachsenenzeit war politisch in jeder Hinsicht: Wohngemeinschaft, feministischer Diskurs, Öko- und Friedensbewegung, Anti-AKW-Proteste und Republik Freies Wendland. Bei gefährlichen Aktionen habe ich allerdings gekniffen. Ich gehörte eher nicht zur Fraktion Bioladen, aber gestrickt habe ich gerne (lacht). Mache ich heute noch. Auch meine Mutter hat sich übrigens mit anderen Frauen auf Stühlen und mit Strickzeug ausgerüstet an AKW-Protesten beteiligt.
Als ich nach ein paar Wendungen herausgefunden hatte, dass die Altenarbeit mein Ding ist, fand meine politische Arbeit während des Studiums der Pädagogik, Soziologie und Psychologie statt. Und zwar im Kampf gegen die Altenheime als Verwahranstalten. Ich habe mich im Verein Freie Altenarbeit in Bielefeld und dessen Vorstand engagiert – Ziel war es, die häusliche Betreuung möglich zu machen und gegen freiheitsentziehende Maßnahmen in Pflegeheimen vorzugehen. Unser Verein errichtete die bundesweit erste altersübergreifende Wohngemeinschaft, die gibt es heute noch. Ein großer Erfolg war für uns der Beschluss des Deutschen Städtetages über formal saubere Regelungen für geschlossene Abteilungen in Altenpflegeheimen.
Mit dem Johanneswerk, das als kleiner Bruder von Bethel angesehen wurde. Ich bin von der Vorstellung geprägt, dass die „besseren Christen“ in der Diakonie tätig sind, in der Kirche würde nicht tatkräftig angepackt (lacht). So habe ich mich über Jahrzehnte in der Diakonie beheimatet gefühlt.
Große Veränderungen. Der Vorstandsvorsitz im Johanneswerk ist immer von Theologen besetzt. Und es war ein Theologe, der Anfang der 2000er dafür warb, das Werk als Unternehmen aufzuziehen. Die Devise lautete, sowohl in den Einrichtungen, wie zum Beispiel Kitas, als auch in der Mitarbeiterschaft so viele Menschen wie möglich anzusprechen und sich nicht auf die kirchliche Klientel zu beschränken. Die Freiheit der Diakonie im Gegensatz zur verfassten Kirche zu nutzen, um weiter zu reichen, als diese. Seelsorge-Pfarrstellen des Johanneswerkes in den Einrichtungen wurden zurückgeschraubt, dafür eher die Verbindung zu den örtlichen Kirchengemeinden gesucht. Im Gegenzug verflachten die kirchlichen Rituale und die Erzählung von den „besseren Christen in der Diakonie“ galt irgendwann auch nicht mehr.
Ich habe meinen politischen Ansatz in der Bewerbung deutlich gemacht und traf auf einen Bereichsleiter, der mit mir Missstände aufdecken und aufarbeiten wollte. Damals wurde der sozialpädagogische begleitende Dienst eingeführt mit Unterhaltungsangeboten für die Alten und aktivierender Pflege z.B. mit Ergotherapie. Erste Demenzerkenntnisse wurden in die Pflege übernommen. Ab 1990 war ich in der Beratung und Fortbildung des Johanneswerks tätig und habe Pflegepersonal und Sozialarbeitende und später auch Führungskräfte qualifiziert. Wir wollten die Lebenssituation der Menschen mit Demenz in den Einrichtungen verbessern, dafür haben wir unsere Fortbildungskonzepte zum Thema ständig angepasst. In dieser Zeit machte ich auch meine Supervisionsausbildung. Die Organisation verschiedener Studienreisen kam mir bei der aufwändigen Planung der Pfarrkonventsfahrten in Steglitz übrigens sehr zu Gute (lacht).
Weil mein Mann in Berlin arbeitete, bin ich sechs Jahre gependelt und fand dann plötzlich diese interessante Ausschreibung. Mir gefiel die Vorstellung, an früher anknüpfen zu können und in Steglitz bei der „richtigen Kirche“ zu arbeiten. Die passenden Erfahrungen hatte ich ja.
Ich habe eine große Freiheit empfunden, weil ich vorher häufig an hierarchische und kleingeistige Grenzen gestoßen bin. In Steglitz hatte ich Spielraum, den ich sehr genossen habe. Was ich vermisste, war das Teamverständnis von früher und die intensive kollegiale Beratung. Durch die vielen Teilzeitstellen auf der Kirchenkreis-Ebene sind doch alle mehr oder weniger Einzelkämpfer auf ihrem Gebiet.
Vor allem habe ich aber die große Aufgabenvielfalt geschätzt, den Kontakt zu ganz unterschiedlichen Menschen. Die Arbeit war genau das, was ich mir für die verbleibenden 10 Jahre gewünscht hatte.
Unsere erste digitale Synode, dafür hätten wir einen Orden kriegen sollen (lacht).
Die Rückschläge bei der Entwicklung der Regionen. Es ist eine bittere Erfahrung, dass bereits Erreichtes wieder zurückgedreht werden kann. Aber das erleben wir zurzeit ja auch auf ganz anderen Ebenen. Und Corona natürlich. Videokonferenzen haben sich dabei als große Chance bewährt, in der Folge haben wir aber eine Teamvereinzelung, über die wir nicht richtig hinwegkommen.
Den Genehmigungen aus dem Konsistorium für die Sollstellenpläne habe ich immer entgegengefiebert und sie als persönliche Adelung empfunden (lacht). Den letzten hat Herr Fritz höchstpersönlich durchwinken müssen, er weiß ja, wie gut wir finanziell aufgestellt sind.
Die Pfarrkonventsreisen nach Prag, London, Göteborg waren toll. Auch die Klausuren mit dem kreiskirchlichen Team, zum Beispiel mit Christian Staffa oder zum Thema Gottesdienst.
Intensives Zeitunglesen und Gespräche mit meinem Mann über die Weltlage. Konzerte, Musik in Kirchen, Museen, Familie. Vielleicht lerne ich Arabisch oder ich peppe mein Französisch auf. Ich freue mich auf jeden Fall darauf.
Und natürlich stehe ich meiner Nachfolgerin, Frau Lutz, für die Einarbeitung und Nachfragen zur Verfügung, so lange es gewünscht ist.
ubo