24.03.2025
Johannes-Passion von J. S. Bach am 6. April in der Johannes-Kirche – eine kritische Einordnung
Am Sonntag, 6. April wird die Johannes-Passion in der Johannes-Kirche Lichterfelde aufgeführt. Es ist eine gewaltige, einzigartige Musik, die Johannes-Passion von Johann-Sebastian Bach. 1724 hat Bach sie an Karfreitag in der Leipziger Nikolaikirche erstmals aufgeführt. Die Passion ließ Bach nicht mehr los, ein Leben lang hat er an ihr gearbeitet und sie bis zu seinem Tod noch weitere drei Mal aufgeführt.
Seinem Werk liegen große Teile des Passionsberichtes aus dem Johannes-Evangelium zugrunde. Das Johannes-Evangelium ist das Evangelium, das eine besonders starke Abgrenzung zum Judentum formuliert. Es hat in der Tradition und in seiner Wirkungsgeschichte einen unheilvollen Antijudaismus und damit verbunden Antisemitismus befeuert und legitimiert. Ein Blick auf das Johannes-Evangelium und die Aufnahme der Texte in Bachs Passion ist also wichtig, um uns auf die Musik einlassen zu können.
Das Johannesevangelium spricht plakativ von „den Juden“ und fast immer negativ. Im 8. Kapitel werden die Juden „als Kinder des Teufels“ bezeichnet, ein besonders schlimmes Wort. Es hat Judenhass über Jahrhunderte hinweg begründet und befördert. In Kap. 4 heißt es aber auch „das Heil kommt von den Juden“. Woher die Ablehnung, in manchen Stellen auch die Hinwendung, Verbindung zum Judentum?
Das frühe Christentum zu Paulus Zeiten war zunächst eine Gruppierung innerhalb des Judentums. Vermutlich zwei, drei Generationen nach den paulinischen Gemeindegründungen wird das Johannes-Evangelium niedergeschrieben. Das Verhältnis von Juden und Christen sortierte sich gerade neu: Die christliche Gemeinde „nabelte sich ab“, jüdische und frühchristliche Gemeinschaften existierten nun zunehmend nebeneinander. Es kommt zu gegenseitigen Abgrenzungen. Das Johannes-Evangelium ist ein Zeugnis dieser Abgrenzung, die – das können wir deutlich lesen – mit antijüdischen Worten einher geht.
„Die Juden“ werden im Johannes-Evangelium als Feinde Jesu beschrieben (paradoxerweise wird ausgeblendet, dass Jesus ja Jude ist). Im vierten Evangelium stehen „die Juden“ für den ungläubigen Kosmos, für die Finsternis wider das Licht, für das Fleisch wider den Geist, für den Unglauben wider den Glauben, für das unterdrückende Gesetz wider das befreiende Evangelium. Besonders diese Gegenüberstellung hat hartnäckig Einzug ins Denken von Christen gehalten. Ermüdend oft hat meine Großmutter diesen falschen Gegensatz betont, dabei kennen Altes wie Neues Testament Gesetze, Regeln für ein Zusammenleben als eine positive Gabe Gottes. Das Gesetz ist Hilfestellung für ein gelingendes Leben.
Gegen eine hasserfüllte Lesart, gegen die Polemik hilft nur, diese Texte historisch einzuordnen und ihre falsche Rezeption offen zu legen. Da Bach Texte des Johannes-Evangeliums musikalisch verarbeitet, begegnet uns auch in der Passion die plakative Rede von „den Juden“. Es sind die Hohenpriester und das Volk in Jerusalem, die (singend) „weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!“ rufen. Ihnen wird die Schuld am Tod Christi zugeschoben. Der Chor trägt die Passage vor „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben“ und nimmt die Polemik, dieses alte falsche Vorurteil von der starren Prinzipientreue der jüdischen Religion auf. Es sind Passagen aus dem Johannes-Evangelium, die antijüdisch sind und die wir uns als Hörende bewusst machen müssen, um den Kreislauf der Ablehnung, der völlig falschen Gegenüberstellung vom Judentum als Gesetzesreligion und vom Christentum als Religion der Liebe und Vergebung zu durchbrechen.
Die Johannes-Passion ist eine gewaltige, einzigartige Musik. Auch, weil Bach sie so gestaltet hat, dass sie ihren Höhepunkt nicht in der Auseinandersetzung mit den Juden sucht, sondern in anderen theologischen Fragen findet: Es ist die Buße des Christen. So heißt es in einem Choral: „Du bist ja nicht der Sünder, wie wir und unsre Kinder. Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden.“
Die zutiefst persönliche Erkenntnis, dass wir Fehler machen, dass uns Leben nicht gelingt, dass wir nolens volens Schuld auf uns laden, deren Auswirkungen ganze Generationen nach uns noch spüren, ist der existentielle Kern seiner Musik, die seit ihrer Erstaufführung 1724 Menschen tief berührt. Der Komponist Hans Werner Henze schrieb, es kämen in dieser Musik Dinge zur Sprache, die bis dahin mit Tönen zu sagen niemand gewagt, niemand vermocht oder auch nur versucht hatte.
Pfarrerin Ulrike Klehmet
Johann Sebastian Bach
Sonntag, 6. April, 18 Uhr, Johannes-Kirche Lichterfelde
Solisten: Regina North, Christine Lichtenberg, Joohoon Shin, Martin Backhaus, Michael Börgers
Johannneskantorei, Cappella Occasionum, Orchester
Leitung: Kantorin Bettina Heuer-Uharek
Eintritt: 20 €, erm. 12 € (während der Öffnungszeiten des Büros ab 24. März)